das Kappler Lied

 

Das Kappler Lied wurde in einer gemeinsamen Produktion des Musikverein Freiburg-Kappel e.V. unter der Leitung von Markus Riegger und dem MGV-Freiburg-Kappel e. V. unter der Leitung von Frauke Alpermann im Sept.2020 aufgenommen (Klaus Gülker).

Kappler Lied 2 zu 3 (4 zu 6) k

Neben dem Kapplerlied hat Pfarrer Vitt 1936 noch das Kappler St.Barbara-/Bergmannslied und 1937 das Kappler Apostelfürstenlied getextet. Alle drei Lieder wurden noch vor dem 2. Weltkrieg in Frakturschrift auf einem vierseitigen Faltblättchen gedruckt und verteilt.  Während das Kapplerlied bis heute in der Gemeinde allgemein bekannt ist, sind die beiden anderen Lieder gänzlich unbekannt. Zum Apostelfürstenlied ist anzumerken, dass es sich bei den Apostelfürsten um die Apostel Petrus und Paulus handelt, denen die Kappler Pfarrkirche geweiht ist. Den darin befindlichen Hochaltar schmückt ein Bildnis der beiden Apostel. Außerdem ist eine der 1951 neu beschafften Kirchenglocken, die Apostelglocke,  den beiden Schutzheiligen der Pfarrkirche geweiht, wie es bereits eine der 1942 auf staatliche Anordnung eingeschmolzenen Kirchenglocken war.“

 

Pfarrer Franz Josef Vitt – der Schöpfer des Kappler Liedes

 

Pfarrer Vitt    (Bild 1)

Pfarrer Vitt    (Bild 1)

Bereits als Vikar in Baden-Lichtental zu Beginn des 20. Jahrhunderts kam der 1880 in Wyhl am Kaiserstuhl geborene Franz Josef Vitt indirekt mit Kappel in Berührung. Zu damaliger Zeit lebte nämlich im dortigen Zisterzienserinnenkloster Schwester Gertrudis Molz vom Todtnauerhof. Sie stand dem Kloster von 1909-1926 sogar als Äbtissin vor. Die weiteren Vikarsstationen verbrachte er mit Kirchhofen, Freiburg-St. Urban und Schlingen ausschließlich in der Freiburger Region. Im Freiburger Raum besetzte er auch seine Pfarrstellen  Als Pfarrer von Horben wirkte Vitt 1907-1926 in unmittelbarer Nachbarschaft von Kappel. Es ist anzunehmen, dass er schon damals Kappel kennenlernte. Sein geistliches Amt in Horben (Bild 3) bekleidete er ohne Tadel. Dies geht hervor aus einem Visitationsbericht, den in Vertretung des Erzbischofs der St. Georgener Dekan Kopf 1930 erstellte. Er beinhaltete eine Bestandsaufnahme der Pfarrei für den Zeitraum seit der letzten Visitation, mit Schwerpunkt aber die Jahre1925-1929. Demnach gab es „nichts richtigzustellen“. Nach einer weiteren Pfarrstelle in Burkheim von 1926-1935 versetzte ihn der Freiburger Erzbischof in die Pfarrei Kappel, als deren Seelsorger er bis 1947 tätig war. Aus Vitts Anfangszeit in Kappel ist ein interessantes Dokument erhalten. Mit einer neu erschienenen Ansichtskarte von Kappel orderte er – als Kaiserstühler sicherlich ein Weinkenner –  für seinen Amtsbruder Karl Hausch aus der Freiburger Pfarrei Maria-Hilf „1–200 lt. Ruländer oder Burgunder“ beim Altbürgermeister Baumann von Burkheim, der zugleich Winzer war.

(Bild 4). Mit diesem und seiner Familie stand er in einem freundschaftlichen Verhältnis. Schon bald nach seiner Versetzung nach Kappel dichtete Vitt 1936 das Kappler Lied mit 11 Strophen. Im Unterschied zu vielen anderen Heimatliedern ist das Kappler Lied sehr konkret. Es enthält eine treffliche geographische Beschreibung des Tales und zählt mit dem Bauer, dem Bergmann und dem Holzhauer die drei Berufsgruppen auf, die zu damaliger Zeit die Wirtschaft des ländlichen Dorfes prägten. Dies trug sicherlich dazu bei, dass sich die Dorfbewohner mit dem Lied ohne Vorbehalte identifizieren konnten. Leider wissen wir heute nicht mehr, wer das Lied vertonte. Es wurde jedenfalls bald in der Schule gesungen, wozu Hauptlehrer Friedrich Tritschler und  seine Tochter Maria maßgeblich beitrugen. Die Kappler Schüler, die bis in die 1970er Jahre von „Fräulein Maria“ unterrichtet wurden, kennen alle das Kappler Lied.

 

Das romantisierende Lied sollte aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass es im schwierigen politischen Umfeld des Nationalsozialismus‘ entstand. Pfarrer Vitt sympathisierte keinesfalls mit dem nationalsozialistischen Regime und versuchte, dessen Einfluss auf die Pfarrgemeinde zu begrenzen. Als er eines Morgens vom Kirchzartener Oberwachtmeister mit dem Dienstwagen abgeholt wurde, vermuteten die Pfarreiangehörigen bereits das Schlimmste. In der Nacht kehrte er jedoch wieder wohlbehalten zurück. Der stets bescheiden auftretende Pfarrer Vitt äußerte sich später nicht dazu. Der frühere Ratschreiber Johann Weber schreibt von einem Erpressungsversuch. Im Spätjahr 1939 kamen 10 polnische Kriegsgefangene noch in Sommeruniform nach Kappel und wurden tagsüber zur Arbeit auf den Höfen verteilt. Die Nacht mussten sie im Arrestlokal verbringen. Zu Weihnachten wollte Pfarrer Vitt den bedauernswerten Polen je einen Satz warme Unterwäsche aus eigenen und bei den Pfarrkindern gesammelten Geldmitteln schenken. Der Versuch Vitts, den Polen das Geschenk verbotenerweise durch die Gitterstäbe zuzuschieben, scheiterte leider am wachsamen Kappler Zellenleiter der NSDAP. Dieser brüllte Vitt an und verjagte ihn unter der Androhung, ihn in ein KZ einweisen zu lassen. Die örtlichen Parteiangehörigen sahen danach wohl von einer amtlichen Meldung ab, um nicht die Pfarrkinder gegen sich aufzubringen. Später gelang es Johann Weber doch noch mit einem Trick alle polnischen Gefangenen mit der geschenkten Unterwäsche auszustatten. Vitt pflegte auch unerschrocken den freundschaftlichen Kontakt zu dem 1935 nach Kappel zugezogenen Kunsthistoriker Dr. Alfred Kuhn und seiner Frau Margarete. Beide waren erst kurz zuvor vom Protestantismus zum Katholizismus konvertiert. Den Nationalsozialisten im Dorf hat die Anwesenheit der Kuhns missfallen, da Kuhns Großeltern Juden waren und er daher nach ihren Gesetzen als „Volljude“ galt. Somit war er, mit Einschränkungen auch seine Frau, allen daraus folgenden Diskriminierungen unterworfen. 1938 erhielt die Leitung der Standesorganisation aller Schriftsteller in NS-Deutschland, (Reichsschrifttumskammer) einen Bericht über Kuhn an seinem Wohnort Kappel. Darin wird auf Grundlage der bei der Kappler NSDAP-Ortsgruppe eingeholten Erkundigungen berichtet, dass er als Katholik eifriger Kirchgänger sei und mit dem Kappler Pfarrer gut befreundet sei. Also zwei Fakten, die neben seiner jüdischen Abstammung aus NS-Sicht gegen Kuhn sprachen. Gegen Vitt sprach, dass freundschaftliche Beziehungen von Nicht-Juden, sogenannten „Ariern“,  mit Juden zum damaligen Zeitpunkt dem NS-Staat höchst verdächtig waren. Ab 1941 waren sie sogar gesetzlich verboten.

 

Pfarrer Vitt war ein Kinderfreund. Noch heute gerät die gebürtige Kapplerin Lydia Miedtke, geb. Kreutz, ins Schwärmen, wenn sie von ihm erzählt. Für die Kinder, denen er mit Fröhlichkeit begegnete, hatte er immer eine kleine Aufmerksamkeit bereit. Sei es ein Birne aus dem Pfarrgarten oder sei es ein „Gutsele“, das er aus seinem Talar zauberte. Im Pfarrhaus  ließ er sie von seinem Honig kosten, den die Bienen im Pfarrgarten produzierten. Seiner sparsamen Schwester Rosa, die ihm den Haushalt besorgte, war dies überhaupt nicht recht. Als Waisenkind, das früh seine Eltern verloren hatte, war er im Erzbischöflichen Kinderheim in Riegel aufgewachsen. Aus eigenem Erleben wusste er am besten, dass Kinder Geborgenheit und Zuneigung brauchen. Pfarrer Vitt und den beteiligten Kindern und Eltern war es gleichermaßen eine Freude, alljährlich zur Weihnachtszeit ein Weihnachtsspiel mit Flötenmusik im Saal des Pfarrhauses in dessen zweiter Etage aufzuführen. Hierfür nähte die Mutter von Lydia Miedtke, Else Kreutz, regelmäßig die Gewänder. Pfarrer Vitt begegnete Else Kreutz, die Protestantin war, immer unvoreingenommen und mit großer Offenheit, was ja damals im Verhältnis zwischen den beiden  christlichen Konfessionen keineswegs der Regelfall war. Zu einer Reihe von Kapplern hielt Pfarrer Vitt die Verbindung bis zu seinem Tode aufrecht, so auch zu Lydia Miedtke (Bild 5)

 

1947 endete die Kappler Amtszeit von Pfarrer Vitt, der ja bereits das Pensionsalter überschritten hatte. Er kam nun als Hausgeistlicher auf den Markhof der St. Josefsanstalt für Behinderte in Herten (Rheinfelden) und verblieb dort bis zu seinem Tod im Mai 1962. In gleicher Funktion war an dieser Anstalt unmittelbar nach Beendigung des 1. Weltkriegs bereits ein Kappler tätig gewesen: Pater Marcellinus Molz überbrückte nach seinem Militärdienst als Divisionspfarrer hier einige Zeit bis zu seiner Aussendung 1921 als Missionar in die USA.  Insbesondere den behinderten Kindern wollte Vitt, der Kinderfreund,  mit seiner Seelsorge ihr schweres Los erleichtern. Seine Beisetzung- wunschgemäß in aller Stille – erfolgte auf dem Kappler Friedhof. Kappler Schulkinder sangen ihm sein Kappler Lied. Somit erfüllte sich das in der letzten Strophe gegebene Vermächtnis von Pfarrer Vitt:

 

Grabstein Pfarrer Vitt   (Bild 2)

Grabstein Pfarrer Vitt   (Bild 2)

                               

 

 

                                      Schließt einst mein müdes Auge sich,

                                      O stilles Kapplertal!

                                      Du sollst mir Ruhestätte sein,

                                      Gruß dir zum letzenmal!

 

 

 

Horben im November 2020

 

 

Bruno Riediger

 

 

 

 

Quellen:

 

(1) Bundesarchiv Berlin, R 9361-V/7435

(2) Kappel im Tal. Dorfgemeinde und Stadtteil – Eine Ortsgeschichte-. Herausgeg. von der Stadt Freiburg i.Br., Ortsverwaltung Kappel. Freiburg 1993

(3) Konradsblatt. Bistumszeitung des Erzbistums Freiburg. Nachruf  Franz Josef Vitt in: Jahrgang 1962, Nr. nicht bekannt

(4) Lebenslauf Johann Weber, 3. Aufl., 250 Seiten. Unveröffentlichtes Manuskript o.J.

(5) G. Mordos (Hrsg.), Die Kirche im Dorf. Festschrift aus Anlaß der 200-Jahrfeier der Kath. Pfarrkirche St.- Agatha in Horben. Freiburg 1992

(6) Mündliche Auskunft von Frau Lydia Miedtke geb. Kreutz v. 07.11.2020

(7) Sammlung Josef Riediger

(8) Landesarchiv Baden Württemberg – Staatsarchiv Freiburg-,  F 196/1  Nr. 1791-3

(9) Hans Spägele, Marcellinus Molz SDS – ein Leben für die Missionen – Der Weg eines Bauernbuben aus dem Schwarzwald nach Indien&Amerika. Unveröffentlichte Manuskript, 31 S., Freiburg 2014

 

 

 

 

Bildnachweis und -erklärungen:

 

Bild 1: Pfarrer Vitt in den 1950er Jahren; Totenbildchen 1962, Sammlung Bruno Riediger

Bild 2: Grabstein für Pfarrer Vitt an der Ostwand der Kappler Kirche im Mai 2020, Sammlung Bruno Riediger

Bild 3: Pfarrer Vitt als Pfarrer von Horben 1907-1926; aus G. Mordos u. Pfarrgemeinde Horben (Hsg.): Die Kirche im Dorf 1792-1992. St. Agatha in Horben, S.149;

Bild 4: Eigenhändig am 23.09.1935 von Pfr. Vitt geschriebene Ansichtskarte an den Altbürgermeister von Burkheim, Sammlung Josef Riediger

Bild 5: Eigenhändig am 28.12.1959 von Pfr. Vitt geschriebene Ansichtskarte an Lydia Miedtke geb. Kreutz, Sammlung Lydia Miedtke                                               

 

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Daß die Kappler Gemarkung zum ausgewiesenen Biosphärengebiet Schwarzwald gehört und dadurch die Stadt Freiburg sich auch dieses Kulturgut auf ihre grüne Fahne schreiben darf, ist ein Gewinn für Mensch und Natur unseres Gemeinwesens.

Die Aufgabe der weiteren Gestaltung dieses großartigen Projektes, ist auch uns Bürgern in die Hand gegeben. Besonders der Kunst-und Kulturverein in Kappel nimmt sich dieser arbeitsintensiven Aufgabe an. Zur Präsentation und zum Erleben können unserer geschichts- und kulturträchtigen Heimat wird schwerpunktmäßig ein Themenweg konzipiert und verwirklicht, an dessen Stationen  (Infotafeln, Skulpturen und Soundscapes) man der Lebensgestaltung unserer Vorfahren begegnen kann, Ihrer Arbeit, ihres Glaubens, ihrer Tradition, ihres Zusammenseins, bis hin zur Lebensweise unseres 3. Jahrtausends. Dabei werden wir kunstreich auf unsere Jetzt-Zeit mit ihren Errungenschaften und tiefgreifenden Problemen aufmerksam gemacht zur eigenen Bewusstwerdung, was Dasein und öffentliches Zusammenleben heißt, uns aber auch zeigt, wie gefährdet sich alles Lebendig sein, umrahmt von Himmel und Erde, darstellt.

Manfred Reichard

Freiburg-Kappel, im August 2020

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