Soundscape Wald Kamelberg

Wald, Kamelberg
Die Soundscape eines Waldes im Wandel der Jahreszeiten.

Tonaufnahme 1a: „Wildschweine, Waldrand, Pfeiferberg“
Frühlingsabend, 07.04.2019, 18:40, Wildschweinlaute, Waldrand am Pfeiferberg.

 

Die Soundscapes des Waldes werden in erster Linie bestimmt durch den Gesang der Vögel. Säugetiere rufen vergleichsweise selten und dann meist in der Dämmerung oder in der Nacht. Vokalisierende Heuschrecken und das Summen und Brummen anderer Insekten wird zum Sommer hin stärker, findet aber oft auch in Frequenzbereichen statt, die vom Mensch nicht mehr wahrgenommen werden. Insgesamt sind Insektengesänge aber auch typischer für Wiesenlandschaften. In feuchten Wäldern mit kleinen Tümpeln, Mooren und anderen Gewässern können sich auch Amphibien finden, deren Rufe und Gesänge zu Beginn des Frühjahres erschallen.

Dennoch sind es vor allem die Lebenszyklen der Vögel, die unsere akustische Wahrnehmung der Wälder im Wandel der Jahreszeiten prägen. Dabei klingt nicht jeder Wald gleich. Strukturreiche Wälder mit einem hohen Anteil an Altbäumen und Totholz sowie einem strukturreichen Unterwuchs bieten vielen verschiedenen Vogelarten einen Lebensraum. Dies wirkt sich auch auf die Vielfalt der Klanglandschaft aus.

Tonaufnahme 1b: „Frühlingsgesang der Vögel am Morgen“
Frühlingsmorgen, 07. April 2019, 06:20 Uhr. Fichtenwald mit Buchen am Wanderweg vom Herchersattel zur Pfisterhöhe. Zuhören sind die Gesänge von: Singdrossel, Amsel, Rotkehlchen, Schwarzspecht und Kolkrabe.

 

Tonaufnahme: „Waldkauz“
Frühlingsnacht, 01. April 2019, 03:45 Uhr. In der Nähe dieses Standortes. Gesang des Männchens und Warnrufe des Weibchens.

 

Der Waldkauz braucht Altholzbestände und reich strukturierte Landschaften mit Hecken und Gebüschen. Er ist aber auch ein Kulturfolger und zieht von Wäldern gerne in städtische Parks und Friedhofsanlagen. Fichtenmonokulturen und flurbereinigte Landschaften sind für ihn wertlos. Sein Gesang zur Balz und Reviermarkierung ertönt vor allem im Herbst und Winter. Die Frühjahresbalz beginnt im Februar. Zum Zeitpunkt des Audiobeispiels im April dürften schon die Jungen im Nest sein. Die hier zu hörenden Rufe und Gesänge werden in dieser Kurzform von Männchen und Weibchen bei verschiedenen Anlässen ausgestoßen, etwa bei Begegnungen im Nest. Der Waldkauz ist standorttreu. Familienverbände bleiben mitunter lange Zeit in einem gemeinsamen Territorium.

 

Tonaufnahme „Vogelrufe und Insekten im Spätsommer und Herbst“
Spätsommer/Herbsteindrücke, 18. September 2019, 15:50 Uhr. In der Nähe dieses Standortes, etwas näher Richtung Dorf. Rufe des Rotkehlchens, 1-2mal ist auch ein Ruf des Buchfinks zu hören.

 

Zum Sommer hin verschwinden die Balzgesänge. Besonders die Zugvogelarten geben auch die Revierverteidigung auf, wodurch die Reviergesänge dieser Arten wegfallen. Es wird nun immer ruhiger im Wald. Einzelne Vogelrufe sind aber noch zu hören und auch das Summen der Insekten. Hier klopft ein Vogel leise auf einen Ast. Ein Specht auf Nahrungssuche?

 

Tonaufnahme: „Wald im Spätherbst, Blätter fallen vom Ahorn“
Novembernachmittag, 10.11.2019, 13:50, Wald im Kleintal, Blätter fallen im Herbstwind von einem Ahornbaum

 

Noch später im Herbst, wenn es zu kalt für die meisten Insekten wird, dominieren dann endgültig die Geräusche der unbelebten Natur, die sogenannte Geophonie, die Klangkulisse des Waldes.

 

Tonaufnahme: „Wald im Spätherbst, ein Trupp Schwanzmeisen“
Novembernachmittag, 10.11.2019, 14:30, Wald im Westseite des Tals. Entfernt ist auch Fußballspiel vom Kappler Sportplatz zu hören.

 

Einige Vögel erfreuen uns auch im Spätherbst und Winter, vom Rotkehlchen war schon die Rede. Hier ist es ein Trupp Schwanzmeisen, der durch die Büsche im Unterwuchs des Waldes zieht. Schwanzmeisen sind Standvögel, sie bleiben im Winter hier. Außerhalb der Brutzeit sind sie in Trupps unterwegs. Dabei stoßen sie diese lebendig klingenden Kontaktrufe aus.

Sie leben in Mischwäldern mit hohem Gebüschanteil und vielgestaltigen Waldrändern. Aber auch Feldgehölze, Parkanlagen und Gärten mit ausreichend Sträuchern und Gebüsch werden von Schwanzmeisen gern besiedelt. Sie mögen keine ausgeräumten, flurbereinigten Landschaften. Kleine Insekten, Knospen und Teile von Früchten sammeln sie oft kopfüberhängend von den Zweigspitzen. Der lange Schwanz dient dabei als Balancierstange.

 

Abbildungstext: Schwanzmeise (Aegithalos caudatus). Foto: David Friel. CC BY 2.0


Tonaufnahme: „Gesänge und Rufe verschiedener Vögel“
Frühlingstag, 31. März 2019, 13:30 Uhr. In der Nähe dieses Standortes. Gesang und Rufe von: Zilpzalp, Buchfink, Wintergoldhähnchen, Tannenmeise, Zaunkönig, Eichelhäher (ungewöhnlicher Ruf am Anfang und in der Mitte) und Sumpfmeise (lauter Ruf kurz vor Ende der Aufnahme).

 

Die intensivste Gesangszeit zur Balz und Reviermarkierung ist bei Sonnenaufgang. Eine zweite, etwas weniger ausgeprägte Phase ist bei Sonnenuntergang. Im Tagesverlauf wird es etwas stiller im Wald, die Gesänge nehmen ab, vereinzelte Rufe treten hervor, wie in diesem Tonbeispiel. Es ist noch nicht abschließend geklärt, warum Vögel vor allem zum Sonnenaufgang singen und nicht gleichmäßig über den Tag verteilt. Letzteres hätte den Vorteil, dass sich die einzelnen Stimmen zeitlich besser einnischen könnten, um somit eine Übertönung von anderen Arten zu vermeiden. Warum singen also alle Vögel gemeinsam in einem recht engen Zeitfenster? Ein Grund könnte sein, dass es zu dieser Zeit häufig windstill ist, bei gleichzeitig höherer Luftfeuchte, wodurch die Schallwellen weiter getragen werden1. Ebenso dürfte die Nahrungssuche eine Rolle spielen. Zur Dämmerung ist es im Wald noch zu dunkel, um gut auf Futtersuche zu gehen, also wird die Zeit besser für das Singen genutzt. Dafür spricht, dass einige Studien einen Zusammenhang zwischen der Augengröße und dem Beginn der Gesangphase feststellen konnten. Je größer die Augen, um so früher der Gesangsbeginn, und umso früher können diese Vögel dann auch mit der Nahrungssuche beginnen. Besonders in strukturreichen Mischwäldern wird es aber auch tagsüber im Frühling selten richtig still im Wald, wie das obige Audiobeispiel zeigt.

1  Schallwellen sind Druckwellen, sie brauchen ein Medium um sich auszubreiten. Dies geht in feuchter Luft besser als in trockener. Deswegen hört man bei Nebel weiter. Im Vakuum des Weltalls herrscht dagegen absolute Stille, da der Schall kein Medium zur Ausbreitung hat.

 

Soundscapes - Tonaufnahmen und Texte: Dr. Sandra Müller

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Mit diesem Stichwort ist die Existenzgrundlage des Menschen umfassend getroffen, wobei jeder Raum das vielfältig außermenschliche Leben voraussetzt. Wir Menschen bilden mit Tieren, Pflanzen und der gesamten substantiellen Natur eine Lebensgemeinschaft. Gemeinschaft heißt auch, dass wir nur als soziale Wesen überleben können und mit Verstand und Vernunft die menschlichen Fähigkeiten erhalten haben, das Zusammenleben selbst zu gestalten und zu organisieren. Überall wo Menschen leben ist hierfür schon Raum gegeben bzw. genommen worden, durchaus einschneidend für die bereits vorhandene Natur, oft segensreich, noch öfter schadhaft. Unsere Lebensräume sind sehr unterschiedlich begütert, ärmlich und (zu) reich. Während zahllose Menschen mit dem Dürftigsten ihr nacktes Leben erhalten müssen, dürfen wir in unseren Breiten häufig aus dem Vollen schöpfen. Wir haben Arbeit, Erwerb und Bildungschancen, nehmen Teil am kulturellen Fortschritt, an der Veredelung unseres Daseins durch gestaltete Kunst und schöngeistigen Genuss. Zudem sind wir ohne unser Zutun in eine wundervolle Landschaft hineingeboren, welche wir verantwortungsvoll zu erhalten bemüht sein müssen.

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